Ich trinke, was MIR schmeckt

Am 18.3.2018 schrieb Stuart Pigott (britischer Weinkritiker) in der Sonntagsausgabe der Frankfurter Allgemeinen einen Artikel zum Thema Wein, Supermarkt, Fachhändler, Sommeliers. Ein Punkt, der mir gefallen und eben auch schon aufgefallen ist, war:

„..Weinkenner neigen dazu, das Besondere zu suchen, ungewöhnliche Weine, die wir in unserer Arbeit anpreisen und deren Geschichte wir ausbreiten. Der typische Sommelier tut das Gleiche im Restaurant, und obwohl Weinhändler zwar unterschiedliche Einstellungen zum Produkt haben, gibt es auch unter ihnen den ehrgeizige Typen, der zum gleichen Verhalten neigt. […] Aber wir wollen auch unsere besonderen Fähigkeiten unter Beweis stellen. Wenn es also ein Pinot Grigio sein muss (sic!), dann fällt unsere Wahl auf einen aussergewöhnlichen Wein dieser Rebsorte. Eine grosse Marke wie „Santa Margherita“ zum Objekt unseres Schreibens machen erscheint uns einfallslos, obwohl sie den Geschmack vieler Weintrinker trifft und ihnen Sicherheit bietet. Für uns Weinkritiker, Sommeliers und Händler stehen dagegen eigenes Wissen und Können als Grundlage für die Auswahl im Vordergrund. Weil wir uns so intensiv mit dem Thema beschäftigen, neigen wir zu Weinen mit ausgeprägtem oder gar extremen Geschmack, während die meisten Weintrinker nach Harmonie und Gefälligkeit suchen. Aus diesen Gründen haben die meisten Weinkritiker, Sommeliers und ehrgeizigen Händler keinen blassen Schimmer, wie die grossen Weinmarken der Welt schmecken. …“

Ich glaube, das ist, vielleicht nicht das, aber ein Problem. Diese allgemeine Haltung von Experten (sei es Essen, Trinken, Musik, Kunst), nämlich – was allen gefällt, kann nicht gut sein. Natürlich ist nicht alles, was Allen gefällt, gut. ABER: Was allen gefällt ist auch nicht per se schlecht.

Aber das denken viele Weinverkäufer, Kritiker, Weinkenner. Beispiele?

Chardonnay
*schnelles Kreuzzeichen* – Anything But Chardonnay. Wenn er schmeckt, dann ist es doch ok. Nur weil alle es trinken und es schlechte gibt, trinkt man keinen mehr?

Grauburgunder
Vor 3 Monaten auf Facebook ein Post eines bekannten deutschen Master of Wine: „Das fängt ja gut an. Gerade mit einem befreundeten Gastronomen gesprochen, der sagte, dass keine einzige Flasche Champagner an Sylvester gelaufen ist, dafür Grauburgunder ohne Ende. Soll jeder das trinken, womit er glücklich wird. Aber dieses gesellschaftliche Phänomen, dass Mittelmass / Durchschnitt zur Spitze erhoben wird, sich auf die Schulter zu klopfen, wenn man billig davongekommen ist, das finde ich bedenklich“
Hallo? Mittelmass / Durchschnitt – das hat dann wohl der befreundete Gastronom angeboten, oder?

Musik
Wieviele Indie Bands verlieren ihre Fans, sobald sie Erfolg haben und im Radio gespielt werden? Mainstream ist bäh?

Wenn man im Gespräch mit einem Musikkritiker sagt, dass man Mozart mag oder die Jahreszeiten von Vivaldi schön findet – Augenrollen, man hört förmlich den Gedanken, was ist das denn für ein Proll?

Skulpturen, Bilder
Immer gilt, gefällig = schlecht. Wenn Du das schön findest, hast Du keine Ahnung bzw. bist sehr einfach gestrickt.

Ich finde das sehr überheblich und ich will das nicht.

Möglich, dass es Kenner gibt, die jedes noch so kleine Gesteinsbröckchen, dass da in der Nähe der Rebe lag, rausschmecken können. Aber die Masse eben nicht, ich auch nicht. Die Masse sucht etwas, was schmeckt. Und erschwinglich ist. Nicht billig, aber erschwinglich, das ist nämlich ein Unterschied. Für viele sind 6-8 Euro für eine Flasche Wein schon sehr sehr viel Geld. Gott sei Dank bekommt man für dieses Geld in Deutschland durchaus was Vernünftiges. Aber dieses Elitäre, Intellektuelle und dieser Kampf um den noch selteneren ungewöhnlicheren Wein, der ist albern. Und fördert den Wein nicht.

Ich suche den für mich perfekten Wein, den ich gut trinken kann und den ich bezahlen kann. Und da es so viele Weine auf der Welt gibt, habe ich da auch noch viel zu tun. Und „Spass im Glas“ (Zitat, aber nicht aus dem Artikel von Pigott).

Ein Kommentar zu “Ich trinke, was MIR schmeckt

  1. Da bin ich ganz bei Dir. Ich nehme gerne mal eine Empfehlung an oder lasse mich mal auf etwas ein, was ich nicht kenne, aber in aller Munde ist bzw. in berufenem Munde – aber nur weil es der Experte sagt … ne. Es muss ja mir schmecken.
    Eine Bekannte von mir ist gerade dabei, die Welt des Weines zu entdecken. Sie schwärmte bisher von irgendwelchen süßen Tropfen, die ich nichteinmal als Nachtisch zu mir nehmen würde. Letztens habe ich mal „Nero d’Avola“ fallen lassen. Zwei Tage später kam sie und meinte, dieses Essigzeugs könnte man nur zum Reinigen nehmen. Gestern meinte sie, sie hätte eine andere Flasche ‚zufällig‘ probiert und die sei gar nicht mal so schlecht. Und so sehe ich Experten, sie können einem den Weg bereiten – wenn man ihn denn überhaupt gehen will.

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