Impressionen aus der S-Bahn (1) – 2. Bildungsweg am Morgen

Seit ich S-Bahn fahren (jeden Tag 2x 30 Minuten) entwickle ich mich zum Allgemeinbildungsgenie – dank der mitfahrenden Schüler / Lehrlinge / Studenten – die natürlich die 30 Minuten Fahrt zum Selbststudium / Hausaufgaben machen nutzen und sich mit ihren Freunden / Kommilitonen / Lehrlingskollegen austauschen (oder abschreiben). Alles laut, so dass jeder Bescheid weiss.

Sollte ich mal in das örtliche Krankenhaus müssen, weiss ich jedenfalls, welcher Arzt nett und kompetent ist, welche Schwester freundlich, welche man lieber nicht anspricht, notfalls könnte ich mir sogar selber eine Spritze setzen, jedenfalls wurde das Procedere ausführlich mehrere Zugfahrten lang behandelt.
Ich kenn mich aber neu auch in Einkauf und Warenpräsentation in Supermärkten aus, könnte sehr gut diverse Mathematikseminare halten, würde souverän Blumensträusse binden, Senioren betreuen, neuerdings (kein Witz) kann ich Gebärdensprache (da gibt es so viele Feinheiten, wie man ein und denselben Sachverhalt ausdrücken kann)
Und natürlich könnte ich fast jede beliebige LK in diversen Fächern schreiben – gelernt wurde für mich bereits (inkl. Abfragen, wo ich die Antworten irgendwann mitsprechen konnte).
Das Ganze natürlich wahlweise auch in Französisch oder Englisch.
Ach ja – studieren könnte ich auch. Dank Uni und Hochschule und eben den Studenten, die dorthin, gern auch mal zu Prüfungen, fahren und im Zug laut lernen – kenne ich mich sowohl in Pädagogik als auch in Jura aus.

Und das alles quasi nebenbei, während ich aufs Handy starre, Sag nochmal einer, Handy macht dumm.

Winzer vs. Winzergenossenschaft

Kürzlich war ich ja im Elsass und besuchte dort auch eine Winzergenossenschaft (Cave de Beblenheim) und einen Winzer (Jean Wach in Andlau). Bei beiden kaufte ich u.a. einen Grauburgunder (gleicher Ausbau, gleicher Jahrgang, gleiche Preislage) und verkostete diese nun. Beide haben mir geschmeckt, interessant waren die
Unterschiede.
Farbe: Der Grauburgunder der Winzergenossenschaft hatte ein tiefes Honiggelb, der des Winzers war eher hellgelb.
Nase: Beide waren am Anfang eher unscheinbar, beide entwickelten nach einer Weile im Glas einen angenehmen Duft nach Birne, grünen Äpfeln.
Gaumen: Der Wein der Winzergenossenschaft war deutlich fruchtiger, dafür etwas matt. Der des Winzers hatte etwas mehr Säure, wirkte deutlich spritziger. Der Winzergenossenschaftliche Wein hatte einen längeren Abgang.
Beide haben mir gefallen, sehr schön fand ich eben die Unterschiede.
Bald fahr ich noch einmal in den Elsass, mal sehen, was ich dann finde.

Beruhigend

Jeden Morgen (seit ca. 10 Jahren, also inzwischen ungefähr 2500 Mal) fahre ich mit der S-Bahn von H nach L*. Wenn ich in H einsteige, sagt eine freundliche Frauenstimme aus den Lautsprechern: Wir begrüssen Sie in der S9 von H nach L über I, J und K. Dann fahre ich so vor mich hin (vielmehr die S-Bahn mich), lese Zeitung, spiele auf dem Handy, gucke raus oder die Mitfahrer an (was lesen die, was haben die an, ..) – das übliche halt.
Und jeden Tag, wenn die S-Bahn dann in K gehalten hat und wieder losfährt, sagt die Stimme: Dieser Zug fährt weiter als S9 bis L. Betonung auf dieser und 9.
Und dann denke ich zuerst „Besser iss“. Aber dann überlege ich jedes mal, warum das nochmal betont wird – es ist die ganze Zeit schon die S9 gewesen und sie war auch die ganze Zeit auf dem Weg nach L und was ich wohl machen würde, wenn die Ansage mal ausfällt, ob das dann heisst, dass es diesmal nicht die S9 ist oder dass sie es immer noch ist, aber diesmal nicht nach L fährt. Es ist alles sehr beunruhigend, aber dann sind wir immer schon in L (von K nach L sind es nur 5 Minuten) und dann bin ich wieder beruhigt.

Ich halte Sie auf dem Laufenden, sollte sich da was ändern mit der S9 und L.

*Diese Buchstaben entsprechen tatsächlich den Anfangsbuchstaben des Start- und Zielortes. Auch irgendwie beruhigend.

Weinfest Flohnheim

Auf der Rückfahrt von den Auffahrtsfeierlichkeiten besuchte ich zwecks Übernachtungsstop das Weinfest Flohnheim (die Wahl fiel auf dieses Fest / diesen Ort, weil am Weg – nichts weiter.
Am Samstag Nachmittag kamen wir an und gingen (nach Bezug der Pension) auf den Marktplatz, wo eine „geführte“ Verkostung in vollem Gange war. Es gab 8 Buden der verschiedenen Weingüter (in eine Bude teilten sich 3 Winzer)

und 4 mit Essen.

Dafür gab es kaum Sitzplätze. Der clevere Mitfahrer erspähte aber recht bald eine Bank hinter 2 Weinbuden mit Blick auf die Festbühne und hinter uns die Kirche – also schön abseits und mittendrin. An den Buden wurden verschiedene Weine in grosszügig eingeschenkten 0.1 Gläsern zu Preisen zwischen 2.50 und 3.50 verkauft. Wir waren an jeder Bude, bei manchen mehrmals und fanden übereinstimmend, dass uns die Weine vom Weingut Christ am besten schmeckten, da vor allem der Sauvignon Blanc und der Morio Muskat.
Wir werden sicher nicht das letzte mal in dieser Gegend gewesen sein und dann dem einen oder anderen Weingut, bestimmt aber dem Weingut Christ einen Besuch abstatten.

Oscar Truschel – Pinot Gris

Anfang des Jahres war ich aus Gründen in Frankreich. Auf der Heimfahrt bin ich noch schnell in einen Supermarkt, um ein paar Leckereien zu kaufen. Natürlich bin ich noch fix am Weinregal vorbei und durchstöberte die Abteilung „lokale Weine“. Wie wir gleich sehen, war ich im Elsass – folgerichtig kaufte ich also entsprechende Weine.

Gestern fielen sie mir in die Hände (das ist nicht wörtlich zu verstehen) und ich verkostete folgenden Wein

Oscar Truschel – Pinot Gris 2015
Beblenheim

Wie man sieht, liegt die Flasche – ganz einfach, weil sie ausgetrunken ist 🙂

Ich bin begeistert – Goldgelbe, fast honiggelbe Farbe. Ganz intensive Nase nach Birne, setzt sich am Gaumen fort. Der Wein nicht zu trocken, ganz im Gegenteil. Am Ende etwas Säure, die einen schönen Abschluss schafft. Mittellanger Abgang. Sehr schöner Wein zum einfach so trinken.

Praktischerweise bin ich in 2 Wochen für einige Tage im Elsass – also habe ich den Winzer gleichmal gegoogelt auf die Liste genommen und werde dorthin fahren und die anderen Weine verkosten und hoffe, dass die ebenso lecker sind.
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Nachtrag: Ist kein Winzer, sondern eine Winzergenossenschaft – und ja, ich war dort und – nein, die Weine waren diesmal nicht so lecker, hab aber 2 mitgenommen und werde berichten

Das Weingut, da schmeckt jeder Wein gut

Am Wochenende war ich zwecks Auffahrtfeier in Mitteldeutschland, auf der Rückfahrt legte ich wegen der Entfernung (750 km) einen Zwischenstop mit Übernachtung in Rheinhessen ein. Vorgängiges googeln ergab, dass just an dem Samstag (und den Tag davor und den Tag danach) in Flohnheim ein Weinfest statt findet. Eine Übernachtung war schnell gefunden also steuerten der Mitfahrer und ich Rheinhessen an. Zu diesem Fest folgt ein weiterer Beitrag.

Unsere Recherche hatte ergeben, dass sich 20km weiter das Weingut Hessert (in Horrweiler) befindet, bei dem ich inzwischen schon 3x bestellt hatte. Bis 15:00 könnten wir vorbeikommen, sagte man uns auf Anfrage, danach hätten sie einen Termin) – also waren wir 14:00 dort und kosteten uns durch die Weine. Die Dame des Hauses, Corinna Hessert, empfing uns sehr freundlich, liess sich und uns Zeit und drängte nicht (obwohl sie ja den Termin hatten), war sehr nett und sehr kompetent.

Grundsätzlich schmecken mir fast alle Weine sehr gut (siehe Titel des Beitrages: vor Wochen hatte ich den bestimmt bald legendären Ausspruch geprägt: Das ist mal ein Weingut, da schmeckt jeder Wein gut). Ich finde es schön, dass immer die Frucht herausgearbeitet wird und das Ganze nicht zu trocken wird, aber eben auch nicht zu lieblich / feinherb / halbtrocken (wie die Nuancen alle so heissen).

Ganz besonders haben mir diesmal (und auch schon letztes Mal – ich hatte es nur etwas vergessen 🙂 ) gefallen:

2015 Weißburgunder trocken: eindrückliche, sehr aromatische Nase nach gelber Birne. Auch am Gaumen kein Abfall. Das bei Weissburgunder, der sonst nicht zu meinen Lieblingen gehört, da für mich immer etwas zu schlapp, langweilig und unaufgeregt (oder subtil – um es wichtig auszusprechen).
2014 Ortega Auslese edelsüß: Nase: Honig, Trockenfrüchte (Pfirsich), trotz Süsse angenehm frisch und unaufdringlich. Am Ende leichte Säure, die verhindert, dass es klebrig wird.

Und die unschlagbaren Preise sollte man nicht vergessen – was man hier für kleines Geld bekommt – Wahnsinn:

Spannungsfelder

Ein Meeting. Dabei ein Marketing-Mensch. Will natürlich was verkaufen. Ein anderer Teilnehmer zweifelt.
Marketing-Mensch: „Ich würde es wagen, ein kleines Spannungsfeld bei der Aussage aufzubauen“.
Atemlose Stille. Später hatten sich alle wieder lieb.

You wanted it darker – so they killed the flame.

Als ich ungefähr 18 war hörte ich die Kassette „Greatest Hits“ von Leonhard Cohen hoch und runter. Wer, wie ich, aus dem Osten kommt, weiss, was es bedeutete, überhaupt so eine Kassette zu haben. Ewig konnte man die nicht hören, da sie dann anfingen zu leiern. Man musste haushalten oder rechtzeitig überspielen, aber Kassetten selber waren teuer (und ich eine arme Studentin).

Als ich 23 war, lernte ich mit Anke und Kata für die Prüfungen und wir hörten dabei die Platte „I’m Your Man“, vor allem „First we take Manhattan, then wie take Berlin“. Berlin war für uns die grosse weite Welt, Manhattan nur ein Wort.

Nach der Wende konnte ich dann auch die Bücher kaufen – und letztlich alle CDs / Platten.

Jahre später arbeitete und wohnte Anke in New York und zwar mitten in Manhattan, ich besuchte sie, kaufte die CD nochmal und hörte sie, am Fenster sitzend, über Manhattan schauend und konnte es nicht fassen.

Leider tourte er nicht mehr und ich hatte Angst, ihn nie live sehen zu können. Dann doch die grosse Tour (ein Glück, dass es diebische Agentinnen gibt) und ich fuhr nach Oberhausen – zu dem grossartigsten und berührensten Konzert, was ich in meinem ganzen Leben besuchen durfte!!

Kai, mein Onkel und Freund aus Norwegen, schenkte mir eine CD mit norwegischen Interpreten, die Cohen Lieder auf norwegisch sangen. Das fand ich  sehr schön (die CD) und sehr aufmerksam von Kai (das Geschenk).

Letzten Sonntag hörte ich die neue CD, ich bekam, wie immer, Gänsehaut und wurde, wie schon bei der vorletzten CD, traurig.

Wer mich kennt, weiss, dass ich eher der lustige, optimistische Typ bin, manchmal wütend oder bockig, aber sehr selten traurig. Heute bin ich sehr sehr traurig, dankbar auch, aber eigentlich nur sehr sehr traurig.

Danke, Leonhard Cohen, für die vielen schönen Momente!

It started with a kiss von Hot Chocolate

Nun ja, ich sass zwar in der letzten Reihe und er, der Austauschschüler aus Amerika, eine Bank neben mir, aber wir haben uns nicht sofort geküsst, wir haben uns nur immer wieder angesehen. Erst viel später haben wir uns geküsst, hinter dem Schuppen auf dem Schulhof.

Als er mir dann dieses Lied schenkte und vorspielte, sagt ich – it started with a blick – ich konnte nicht so gut englisch und so passte es von Klang und Rhythmus ja immer noch. Und ich wollte nicht, dass alle denken, dass ich auf der letzten Bank nur rumknutsche.

Aber nein – es sollte „kiss“ sein. Das wollte ich aber nicht und wir stritten uns tagelang und so – it ended without a kiss.

Und – doch – ich erinnere mich!